Sexy in black

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Rupprecht Geiger, 64/23, 1964 (c) VG Bild-Kunst, Bonn

Schwarze Blazer und Hosen, Blusen mit Spitzen-Intarsien, Schals, Schmuck und Nagellack in Grauschattierungen. „Nein, wir kommen nicht von einer Beerdigung, sondern von einer besonderen Ausstellungseröffnung: shades of black.“ Einige Male wurde unser junges Kuratoren-Team im Nachtleben von Kochel am See auf die Kleider in Schwarznuancen angesprochen. „Wir wollten, dass die Ausstellung etwas sexy wird,“ hatte unsere Tutorin Hanna Holtz einige Tage zuvor beim Pressetermin in die Kamera des BR gestrahlt.

Das Katalogheft zur Ausstellung
Das Katalogheft zur Ausstellung (Foto: Susn Kohl)

Sexy war es auch, unseren Katalog, auf welchen wir seit gut vier Monaten hingearbeitet hatten, endlich in den Händen zu halten: Über das Cover zu streichen, die Haptik des Papiers zu spüren, die Nase ganz nah ranzuhalten, um den Geruch der Druckfarbe zu riechen, die Texte und Abbildungen in Satz und Typografie zu sehen.

Am Samstag den 3. Oktober war es so weit: unsere Gruppe, die den Sommer über in Kleingruppen gearbeitet hatte, um diesen Tag vorzubereiten, traf sich nun auf der Terrasse des Museumscafés wieder. Anlässlich einer „Preview“ für die Freunde des Franz Marc Museums präsentierte Frau Cathrin Klingsöhr-Leroy am 25. Jahrestag der Deutschen Einheit die Ausstellungen Willi Baumeister und Paul Klee – Struktur und Vision sowie „unsere“ Ausstellung, shades of black. Grafik der Nachkriegszeit.

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Begrüßungsworte von Claudia Kreile und Maja Schmidt im vollen Saal (Foto: Susn Kohl)

Im Anschluss an die einführenden Worte und eine Führung durch die Baumeister/Klee-Ausstellung standen wir als Cicerones vor „unseren“ Werken im Erdgeschoss Rede und Antwort. Viele neugierige Zuhörer streiften durch den Raum und hatten Fragen und eigene Assoziationen für uns parat. Zum Abschied ereilte uns noch die Klage eines Besuchers, dass er leider nicht genug Zeit gefunden hatte, allen von uns einmal zuhören zu können.

Nach geglückter „Preview“ und feierlichem Essen im Museumscafé wurde der Abend in der Kocheler Bahnhofskneipe zünftig beschlossen. Neben der Entdeckung ungeahnter Treffsicherheit im Dart konnten wir feststellen, dass die politische Realität dieses heißen Sommers 2015 in Kochel längst angekommen ist. Wie wir hatte sich auch Mustafa zum ersten Mal in das beschauliche Lokal verirrt. Aus Somalia war er auf langwierigen Umwegen schließlich nach Deutschland geflüchtet und seit 4 Monaten in Kochel untergebracht. Statt des eigentlich geplanten Architekturstudiums hieß es nun für ihn Deutsch lernen – üben konnte er nicht nur mit uns. Er kam direkt von einem Oktoberfestbesuch, wo er schon den einen oder anderen Fetzen bayerisch aufgeschnappt hatte. Zur Ausstellungseröffnung am nächsten Morgen sahen wir ihn aber leider nicht wieder. Lag es am bayerischen Bier?

Claudia Leonore Kreile

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Von der Theorie zur Praxis

Nach der vergangenen Sitzung hatten wir also über 80 Werke im Depot des Franz-Marc-Museums gesichtet und viele Eindrücke und Ideen mitgenommen. Im Nachklang bekamen wir wichtige Leitfragen hinsichtlich eines möglichen Konzeptes und einer damit verbundenen Hängung an die Hand: Welche Werke sind besonders geeignet, ein Thema anschaulich zu machen? Sind es zu viele oder zu wenige für den Raum? Welche Werke sind bedeutend größer oder kleiner als die anderen? Wie können wir das nutzen oder überspielen? Lassen sich Gruppen bilden?

Schon während der letzten Zugfahrt hatten sich im intensiven Gedankenaustausch mögliche Themen und Leitfäden herauskristallisiert. Wir möchten vor allem grafische Arbeiten zeigen und damit die Frage stellen, welche Bedeutung der Grafik als Medium, vielleicht auch als Medium des Materialexperiments, speziell in der Nachkriegszeit zukommt. Bei der Sichtung der Werke waren uns zudem die Wiederkehr der Farbe Schwarz sowie die Vielfalt der Strukturen, die durch Materialität und Technik geschaffen werden, aufgefallen. Auch diesen Aspekten möchten wir gerne nachgehen.

Drei Wochen hatten wir also Zeit, diese Ansätze zu vertiefen und über eine mögliche Werkauswahl nachzudenken. Am 8. Juni treffen wir uns im „Gartenhäuschen“, dem neuen Zuhause der Besucherdienste der bayerischen Staatsgemäldesammlungen, wieder. Es handelt sich tatsächlich um ein Gartenhaus, das versteckt zwischen Bank- und Kanzleigebäuden hinter dem Karolinenplatz liegt. Nach Café Mariandl, dem Schreibtisch der Direktorin und einer improvisierten „Bürolandschaft“ im Zugabteil entdecken wir somit einen weiteren charmanten Arbeitsplatz. Auch das stete Kennenlernen neuer Orte macht dieses Seminar so kurzweilig.

Nun sitzen wir in zunehmend vertrauter Runde um einen großen Tisch unter dem Dachgiebel versammelt. Die erfahrene Kuratorin Frau Klingsöhr-Leroy bricht das Eis der anfänglichen Gespanntheit mit einer Frage, die sogleich die Kreativität anregt: „Welche Ausstellungen waren für Sie besonders eindrucksvoll und warum?“ Beim Sprechen darüber wird schnell klar, worauf es uns ankommt: wir möchten einen sinnlichen und zugleich fachlich fundierten Zugang zu den Werken schaffen, indem wir auch die Materialität der Arbeiten auf Papier in den Fokus nehmen und die spezifischen Drucktechniken anschaulich machen.

Die Ideen, unsere Gedanken in der Ausstellung auch stofflich und haptisch zu vermitteln, sprudeln nun aus uns heraus: warum nicht eine Vitrine aufstellen, in der wir die Werkzeuge der verschiedenen Druckverfahren zeigen? Oder Wand-Zettel zum Abreißen, auf denen die Techniken einfach nachvollziehbar erklärt werden? Ein Praxis-Workshop, in dem Besucher eine einfache Drucktechnik wie zum Beispiel Linolschnitt selbst ausprobieren können? Auch den Originalfotografien aus der Galerie von Etta und Otto Stangl sowie der Korrespondenz zwischen den Künstlern und dem Galeristen-Ehepaar möchten wir einen besonderen Platz in der Ausstellung einräumen.

Nach drei Stunden intensiven Arbeitens haben wir nicht nur eine Werkauswahl getroffen und die weiteren Aufgaben verteilt, sondern auch ein grobes Konzept erarbeitet, das es nun zu verfeinern gilt. Bereits am nächsten Tag werden Techniken des kreativen Schreibens erprobt sowie mit Kleber und Schere an einem ersten Entwurf für die Hängung gebastelt.

Claudia Kreile/Max Westphal