Zunächst gilt es, uns einen Weg zu bahnen durch das kaum zu durchdringende Gewusel des morgendlich pulsierenden Münchner Hauptbahnhofs. Menschen strömen in alle Himmelsrichtungen, aus den Zügen in die Stadt, aus der Stadt in die Züge. An Gleis 30 beruhigt sich das nervöse Pendlertreiben und macht Platz für die Vorfreude auf den zweiten Besuch im Franz Marc Museum in Kochel am See. Im Gegensatz zur bayerischen Postkarten-Idylle der vergangenen Woche – schneebedeckte Bergkuppen vor blauem Himmel – regnet es heute. Unter  bunten Regenschirmen wandern wir vom Bahnhof zum Museum, der Weg gesäumt von prächtig blühenden Magnolien und Kirschblüten.

150428_3_mw_bearb

Endlich geht es in den „Bauch des Museums“, das Depot. Mit einem Lastenaufzug, der nur mit Spezialschlüssel zu bedienen ist, fahren wir in den Keller des Museums. Dort ist die Sammlung in einem hörbar klimatisierten Raum aufbewahrt. Die Direktorin des Hauses, Frau Dr. Klingsöhr-Leroy, hat bereits eine erste Auswahl an Werken vorbereitet, die für unsere Ausstellung zur Nachkriegsabstraktion in Frage kommen. Werk für Werk präsentiert der Depotverwalter die Schätze des Museums, begleitet von den informativen, sinnlichen und anregenden Beschreibungen der Hausherrin: graphische Arbeiten und Gemälde von Serge Poliakoff, Hans Hartung, Fritz Winter, Rupprecht Geiger und Ernst Wilhelm Nay.

150428_8_mw
Geschützt vor dem Licht warten die Grafiken darauf, betrachtet zu werden.

Sorgfältig, interessiert, neugierig und kritisch beäugen wir die Werke, denen wir nun so nahe kommen dürfen, dass wir die Struktur des Papieres sehen, den Farbauftrag nachvollziehen, die Qualitäten des Materials erkennen können. Eine Diskussion entspinnt sich um die Frage, ob Poliakoff absichtlich tropfenähnliche Auswaschungen in seinen Farbfeldern provoziert hat, und wenn ja, ob mit wasserabweisenden Kreiden oder Wachs.

mw_depot_1
Schritt für Schritt.

Frau Dr. Klingsöhr-Leroy kommt zudem immer wieder auf die Bedeutung der Rahmen zu sprechen. Für jedes im Museum gezeigte Werk wählt sie einen individuellen historischen Rahmen. Sie erzählt, wie sie auch privat über Antiquitätenmärkte streift und sich ein regelrechtes Netzwerk an Fachhändlern aufgebaut hat, um für jede Arbeit den passenden Rahmen zu finden. Besonderen Wert legt sie darauf, Papierarbeiten nicht mit Passepartouts zu versehen; einerseits, um keine Lichtränder zu riskieren, andererseits, um die Arbeiten in ihrer Ganzheit zu zeigen, ausgefranste Papierränder eingeschlossen.

150428_1_mw

Uns stellt sich nun die äußerst privilegierte Aufgabe, ein Ausstellungskonzept zu entwickeln und nach persönlicher Präferenz ein Werk auszuwählen, zu dem jeder von uns einen Katalogtext verfassen wird. Doch noch ist nichts entschieden, nächste Woche sichten wir den zweiten Teil der beeindruckenden Sammlungsbestände zur Nachkriegsabstraktion.

Claudia Leonore Kreile (Text), Max Westphal (Fotos)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s